Stranger's Tales

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Teil Zwei: Der Alchemist

Die Welt begann zu verschwimmen. Plötzlich war nichts mehr da, nicht einmal eine Erinnerung.

In einem Raum aus Holz sass ein kleiner Mann mit spitzem, rotem Hut. Er war ungefähr einen Meter gross und sein Beruf war der eines Alchemisten. Das mischen von Tränken war schon immer seine Leidenschaft gewesen und er verbrachte den grossen Teil seines Lebens im Labor, wo ihm schon so manches Glas um die Ohren geflogen war.
Der Raum, in welchem er sich gerade befand, war ein Labor, obwohl man es ihm vielleicht auf den ersten Blick nicht hätte ansehen können. Die sanften Brauntöne der Holzbalken- und Wände erinnerte an eine Hütte in den Bergen in der Nähe eines kleinen Bächleins, welches durch eine idyllische Landschaft floss.
Bei genauerem Hinsehen konnte man hier jedoch eine grosse Zahl an seltsamen Gerätschaften erkennen, welche ordentlich aufgeräumt in der Ecke des Raumes standen. Viele verschiedene Glasbehälter waren darunter, aber auch Kneifzangen, Handschuhe und Schutzbrillen.

Der kleine Mann, welcher in der Mitte des Raumes an einem grossen Tisch mit Spülbecken sass, hantierte mit einem kleinen, dunkelblauen Gesteinsbrocken, von welchem er mit einem Hammer noch kleinere Stücke herausbrach und sie in einem Mörser zerstiess. Als er eine Menge an Gesteinsstaub erzeugt hatte, die ihm zu genügen schien, nickte er zufrieden mit dem Kopf und liess den verbliebenen Gesteinsbrocken in ein kleines Glas fallen, welches eine dunkle Flüssigkeit enthielt. Er versah es mit einem Deckel und drehte diesen zu, bevor er sich erhob und auf einen hölzernen Schrank zu seiner Linken zuschritt. Er öffnete den Schrank und verstaute das Glas mit dem Gesteinsbrocken darin, dann nahm er einen anderen Gesteinsbrocken aus dem Schrank. Dieser befand sich nicht in einem Glas und er war pechrabenschwarz. Er spiegelte keine Farben wieder und glänzte somit nicht. Es war, als ob er jegliche Farbe verschlucken würde. Er war um einiges grösser, als der Stein, mit welchem der Alchemist vorher hantiert hatte, ungefähr so gross wie eine Faust um genauer zu sein. Was den Stein jedoch am meisten vom letzten unterschied war, dass er zu sprechen begann, als er von dem kleinen Mann berührt wurde: „Was soll das? Lass mich los, verdammt!“
Der Alchemist antwortete nicht und trug den Stein behutsam zu seinem Arbeitstisch hinüber, wo er sich setzte und das Gesteinspulver von vorhin in eine weisse Flüssigkeit gab, welche sich daraufhin in ein stechendes Rot verfärbte.
„Bitte! Tu mir das nicht an!“
Mit einer Stimme, die tiefer klang, als man es von seiner kleinen Statur erwartet hätte, öffnete der Alchemist für das erste Mal seinen Mund: „Gib mir einen Grund, es nicht zu tun.“
„Ich bin der Stein der Weisen!“
„Das sagen sie alle.“
Weiter liess er den Stein nicht reden. Behutsam gab ihn der kleine Alchemist in die nun rote Flüssigkeit. Er wartete kurz und fischte ihn dann mir einer Kneifzange wieder hervor. Er liess die rote Masse vom Stein abtropfen und betrachtete diesen nun genauer. Er war nicht mehr schwarz, wie vor dem Eintauchen, sondern hatte einen bläulich grauen Ton angenommen, welcher viel eher zu der Form und Oberfläche des Steins passte. Kleine, weisse Kristalle im Stein glänzten und er wurde von einigen braunen Adern durchzogen. Die Form des Versuchsobjekts hatte sich jedoch bei dem ganzen Experiment nicht geändert. Der Stein hatte nach seiner Verwandlung keinen Ton mehr von sich gegeben, wahrscheinlich, da er dazu nicht mehr in der Lage war.

„Erstaunlich.“, murmelte der Alchemist zu sich selbst, während er in seinem Laborkittel nach einem Notizbuch zu suchen begann. Er fand dieses auch sogleich und griff nach einem Stift, welcher vor ihm auf dem Tisch lag. Er griff nicht richtig zu, da er zu sehr damit beschäftigt war, die richtige Seite in seinem Notizbuch zu finden und der Stift rollte auf den Fussboden. Der Alchemist seufzte und hüpfte von seinem Stuhl herunter, um das Schreibgerät vom Boden aufzuheben. Er bückte sich und sah nach unten. Da war sein Stift, welchen er auch sogleich wieder in die Hand nahm. Als er wieder aufblickte, erlebte er aber eine Überraschung.

Vor ihm Stand eine schwarze Tür aus Ebenholz, in welcher viele verschiedene Verzierungen eingeschnitzt waren. Die Tür war in einen Rahmen eingelassen, welcher ebenfalls aus schwarzem Ebenholz bestand. Ruckartig öffnete sie sich auch sogleich, doch der Alchemist konnte nicht genau erkennen, was auf der anderen Seite war. Klar war, dass sich auf der anderen Seite nicht sein Labor, sondern etwas Anderes befand. Einige Momente lang verharrte der Alchemist gebannt auf dem Boden, dann rappelte er sich auf und ging um die Tür herum, während er sie etwas näher in Augenschein nahm.
Obwohl sie mitten im Raum stand, war in ihr nicht einfach nur der Teil des Raumes zu sehen, der hinter ihr stand. Sie öffnete sich stattdessen in eine totale Dunkelheit, und ein kühler Windhauch begann aus ihr auszutreten und das Labor des Alchemisten zu durchfahren.

Der Alchemist wusste nicht genau, was er von dieser spontanen Erscheinung halten sollte. Er war immer noch dabei, sich einen Reim daraus zu machen, als ungefähr eine halbe Minute später ein Mann aus der Tür heraustrat und diese Schloss.
Es war ein grosser Mann mit einem schwarzen Filzhut. Er trug einen schwarzen Mantel und machte sich sofort nach seinem Auftritt daran, sich die Tür mitsamt Rahmen wieder auf den Rücken zu binden, ohne etwas zu sagen. Seine Augen wurden von seinem Hut verdeckt, weshalb der Alchemist nicht genau sagen konnte, wo der Fremde gerade hinsah. Diese Person war schon etwas unheimlich.

„Äääh… netter Hut!“
„Danke.“ Der Fremde hatte eine viel höhere Stimme als der Alchemist, was der ganzen Situation eine gewisse Komik verlieh.
„Sie scheinen nicht so überrascht zu sein, mich zu sehen. Normalerweise rennen die Leute schreiend davon, wenn sie mich aus der Tür treten sehen.“
„Oh, solche seltsamen Dinge passieren hier andauernd.“
„Andauernd sagen Sie? Wieder einmal ein Traum… hmmm…“
„Ein Traum? Was meinen Sie damit? Wer sind Sie überhaupt?“
„Ich bin nur ein Fremder auf der Durchreise. Mit wem habe ich es zu tun, da wir schon dabei sind? Sind Sie ein Gnom? Ein Zwerg?“
„Ich verbitte mir solche Beleidigungen! Ich bin Kleinwüchsig und ich hasse diese blöden Spitznamen! Ich bin ein Mensch wie Sie auch! Es gibt keine Gnome, genauso wenig wie es sprechende Nilpferde oder fliegende Schweine gibt!“
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, mein Herr.“
„Na, dann belassen wir es fürs Erste dabei. Sagen Sie, was meinten sie vorhin, als sie von einem „Traum“ sprachen?“
„Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich wünsche ihnen noch viel Glück, auf Wiedersehen.“
„Viel Glück mit was? Warten Sie!“, doch der Fremde hatte sich bereits seine Tür auf den Rücken gepackt und das Labor des Alchemisten mit einer eleganten Bewegung durch den Vordereingang verlassen.“

Der Alchemist blinzelte. Wenn der Fremde nicht mit ihm reden würde, dann nützte es auch nichts, ihm zu folgen. „Was für ein komischer Kauz, und Farbe im Gesicht hatte er auch… Ich sollte mich wieder an meine Experimente machen. Es scheint mir mehr und mehr so, als ob hirt irgendetwas nicht stimmt.“, dachte der kleine Mann, als er sich wieder an den Tisch setzte und in sein Notizbuch zu schreiben begann:

Test Nr. 521: Gesteinsbrocken

Ich bin der üblichen Prozedur gefolgt, habe dieses Mal jedoch ein Objekt von ausserhalb verwendet, da meine Inneneinrichtung keine weiteren Möglichkeiten mehr bietet. Ich gab einen einfachen Stein in die Substanz und das Resultat war das übliche. Er erhielt Farbe und fühlt sich nun wirklich an wie, nun ja, wie ein Stein sich eben anzufühlen hat. Ich schliesse daraus, dass dieser Raum nicht der einzige Ort ist, wo das Experiment funktioniert. Mein Vorrat an dem unbekannten blauen Gestein geht langsam zur Neige, ich sollte von nun an vorsichtiger damit sein. Ich beende meine Arbeit für heute, denn wie jeden Tag ist es nun an der Zeit, eins trinken zu gehen.

Wie auf Befehl klingelte es auch sofort an der Tür, als er den letzten Satz aufgeschrieben hatte. Der Alchemist klappte sein Notizbuch zu und legte es zusammen mit seinem Stift auf den Tisch, dann erhob er sich und schlenderte gemächlich zum Eingang zu seinem Laborraum, wo er die Tür öffnete. Vor ihm stand ein ausgewachsenes Nilpferd. Ein schwarzes Nilpferd um genau zu sein. Es hatte genau die Farbe, welche der Stein zuvor besessen hatte.

„Hallo Helmut, wie geht’s?“, meinte der Alchemist. Er sah nicht überrascht aus.
„Los, komm, wir sind schon spät dran!“, meinte Helmut das Nilpferd. Es öffnete seinen Mund und zeigte seine Zähne, welche im Gegensatz zum Rest des Tieres in perfektem, strahlendem Weiss gehalten waren, um seine Aussage zu unterstreichen.
„Die Leute in der Kneipe werden es schon überleben, wenn wir uns nur für einmal nicht betrinken.“
„Sag mal, spinnst du? Jede Nacht gehen wir in diese Kneipe, immer zur gleichen Zeit. Was meinst du würde passieren, wenn wir das auch nur ein einziges Mal verpassen würden?“
„So schlimm kann das ja nicht sein.“
„Also ich zumindest will das gar nicht erst herausfinden, komm jetzt.“

Das ungleiche Paar trat heraus aus dem Labor. Das Labor des Alchemisten befand sich nicht in einem Haus, sondern in einer Treppenstufe. Die ganze Stadt bestand im Grunde nur aus Treppen, grösseren und kleineren, und kein einziger Farbpunkt war zu sehen, wenn man einmal von dem Farbenfroh gekleideten Alchemisten absah. Alles war nur schwarz und weiss, ohne die grauen Zwischentöne, in welchen alte Filme gehalten sind. Einfach nur schwarz und weiss, weiss und schwarz.

Das Nilpferd und der Alchemist stiegen einige Treppen empor, andere wieder hinunter. Nachdem sie ungefähr eine halbe Stunde gelaufen waren, machte der Alchemist kurz halt. Er war ausser Atem und musste sich an einer grösseren Treppenstufe festhalten, welche neben der kleineren als Geländer angebracht war.
“Warte kurz, Helmut, ich kann nicht mehr.“
„Was meinst du, du kannst nicht mehr? Wir müssen in zehn Minuten in der Kneipe sein! Ich werde nie müde, wenn ich bloss in der Stadt herumgehe, was ist nur mit dir los?“, das schwarze Nilpferd wies mit seiner Schnauze zur Decke, wo sich auch Treppen befanden. Dort oben konnte der Alchemist auch die Kneipe erkennen, wo sie hin wollten. Es wartete eine halbe Minute, bis sich der Alchemist sich wieder erholt hatte, dann gingen die beiden weiter die Treppen hoch. Es kam dem Alchemisten seltsam vor, dass er nicht bemerkte, von welchem Punkt er plötzlich an der Decke ging, doch Helmut dem Nilpferd schien es dies nichts auszumachen.

Der Alchemist keuchte laut, als er an der Kneipe angelangt war. Sie befand sich in der obersten Treppenstufe und dieser Aufstieg erschien dem kleinen Kerl jeden Tag schwieriger. Er öffnete die Tür zur Kneipe, welche keinen Namen besass und er betrat zusammen mit Helmut dem Nilpferd das Establishment.

Auch hier drin gab es keine Farben, doch der guten Stimmung der Besucher tat dies kein Abbruch. Der Barkeeper war ein Nashorn, welches mit einem Gesichtsausdruck hinter der Theke stand, der so grimmig war, dass sich keiner getraute, sich ihm zu nähern. Im Rest der Kneipe wurde jedoch getanzt und gefeiert. Vier Löwenmännchen sassen um einen Tisch herum und tranken Wein.
„Vorzüglich!“, schmachtete einer von ihnen „Ich habe noch nie einen Wein gekostet, der so wunderbar perlt, und das Aroma!“
„Ja, mein Guter, er ist gut genug, um dafür zu töten.“, meinte der Löwe neben ihm scherzhaft.
„So etwas sagt man nicht.“, bemerkte der dritte Löwe empört.
„Lassen Sie ihn doch, er meinte es ja nicht ernst.“, schaltete sich der vierte ein.
„Aber, aber, meine Herren, ich bitte Sie!“, unterbrach ihn der erste Löwe „Wir sind doch nicht hergekommen, um uns zu streiten!“
„Sie haben natürlich wie immer Recht, mein Guter.“, stimmten ihm die anderen drei zu. Dann öffneten sie eine weitere Flasche Wein und genau dasselbe Gespräch in genau demselben Wortlaut begann von neuem. Keine einzige Silbe war auch nur im Geringsten anders betont und als sie wieder fertig waren öffneten sie erneut eine Flasche Wein.

Der Alchemist und Helmut das Nilpferd setzten sich zusammen an einen Tisch in der Mitte der Kneipe.
„Weißt du, Helmut, ich könnte denen ewig zuhören.“
„Ewig zuhören? Was meinst du?“
„Den Löwen da drüben, siehst du sie nicht? Die mit dem Wein und ihrem komischen Gespräch.“
„Ich versteh dich einfach nicht, du bist seltsam.“, seufzte Helmut und bestellte sich ein Bier.

Der Alchemist starrte an die Decke und beobachtete den Affen, der dort an den Kronleuchtern herumtanzte, welche besser in einen Ballsaal als in eine Kneipe gepasst hätten. Der Affe hielt ein Tablett und trug die Uniform eines Portiers. Er nahm die verschiedenen Bestellungen der Leute auf und war der einzige, der sich nahe genug an den Nashornbarkeeper herangetraute, um Getränke von der Theke nehmen zu können.

Rechts vom Tisch, an welchem sich der Alchemist und das Nilpferd gesetzt hatten, standen einige schwarze Kobras um einen Billardtisch herum und spielten, indem sie die Weisse Kugel mit ihren Schwanzspitzen anstiessen. Einige von ihnen zischten laut, als eine Kobra an die Reihe kam, welche ein kleines, weisses Kleidchen trug. Sie schienen aufgeregt zu sein. Warum dem so war stellte sich auch bald heraus, denn die Kobra im Kleid  versenkte eine Kugel nach der Andere in den Löchern, ohne auch nur einen einzigen Fehler zu machen.
„Du hast schon wieder gewonnen.“, zischte eine Kobra aus der Menge heraus „Ich fordere eine Revange!“
Die restlichen Schlangen zischten zustimmend und auch die Schlange im weissen Kleid willigte ein. Dann begann, wie schon bei den Löwen, genau dasselbe Schauspiel von neuem.

Links vom Stammtisch des Alchemisten und des Nilpferds stand ein Pokertisch, an welchem drei Hunde sassen, ähnlich dem kitschigen Bild, welches in so manchem Salon hängt, nur eben wie alles andere auch ausschliesslich in schwarz und weiss gehalten. Die Hunde schienen auf etwas zu warten.
„Sie kommt bald.“
„Ja, dann können wir endlich zu spielen beginnen.“
„Hoffentlich gewinne ich heute!“
„Du gewinnst nie und das wirst du auch heute nicht!“
„Woher willst du das wissen?“
„Wir spielen immer dasselbe Spiel mit denselben Karten. Wenn niemand die Regeln ändert, dann werde ich immer gewinnen.“
„Da hast du allerdings Recht.“

Das lustige Treiben in der Kneipe ging für eine Viertelstunde so weiter wie bisher. Der Alchemist trank zusammen mit Helmut dem Nilpferd ein oder zwei Gläser Bier und die Beiden vergnügten sich köstlich. Dann betrat ein kleines Mädchen in rosaroten Pyjamas die Kneipe. Es war nicht mehr als sechs Jahre alt. Der Alchemist wollte aufspringen, um mit ihm zu reden, doch Helmut das Nilpferd hielt ihn zurück: „Warte, du bist noch nicht an der Reihe!“
„An der Reihe? Was soll das heissen? Ich kann doch mit dem Mädchen sprechen wann immer ich will!“
„Dir fehlt wirklich der gesunde Menschenverstand, nicht wahr? Du wirst jetzt so lange warten, bis du an der Reihe bist, verstanden?“
„Jaja, ist ja schon gut…“

Etwas verärgert betrachtete der Alchemist das Mädchen mit den roten Wangen und den braunen Haaren weiter, wie es sich wie an einer Schnur gezogen durch die Kneipe bewegte. Als Erstes kam es zu dem Tisch mit den vier Löwen. Es hörte sich ihr Gespräch ein Mal an und ging dann weiter, bis es zum Tisch der drei Hunde und ihrem Pokerspiel kam.

„Hallo du!“, meinten die Hunde. „Du bist hübsch, kleines Mädchen. Willst du bei uns mitmachen? Wir brauchen unbedingt noch einen Mitspieler.“
„Okay, ich spiele mit.“, sagte das Mädchen und setzte sich zu den Hunden an den Tisch.
Der Hund, der dem Mädchen nun gegenüber sass, mischte die Karten und teilte dann jedem fünf Karten aus. Das Mädchen sah seine Karten kurz an und meinte dann: „Ich steige aus.“
„Was, jetzt schon?“, protestierten die Hunde.
„Ja, ich habe wieder die gleichen Karten wie beim letzten Mal, du gewinnst.“ Dabei zeigte sie auf den Hund, der vorher schon gesagt hatte, dass er gewinnen würde, wenn die Regeln nicht geändert würden.
„Du hast Recht.“, meinten die Hunde. Das Mädchen stieg wieder von seinem Stuhl herunter und wanderte weiter durch die Kneipe.

Als Nächstes erreichte es den Billardtisch, wo die schwarzen Kobras immer noch spielten. Das Mädchen schaute ihnen eine Weile zu, doch dann wandte es sich bald desinteressiert von ihnen ab, obwohl es noch nicht gesehen hatte, wer gewinnen würde. Nun schritt es auf den Tisch zu, an welchem der Alchemist und das Nilpferd sassen.

„Jetzt bin ich dran!“, meinte Helmut aufgeregt.
„Mach schon, erzähl deinen Witz, damit ich endlich mit ihr reden kann.“
„Sei nicht so ungeduldig, dein Zug kommt schon noch.“

Das Mädchen hatte den Tisch in der Mitte der Kneipe nun erreicht. Es stand vor Helmut und starrte ihn mit erwartungsvollen Augen an.
„Willst du einen Witz hören?“, fragte Helmut in einem freundlichen Ton. Das Mädchen jedoch antwortete nicht, es starrte das Nilpferd nur weiterhin an.
„Gut, dann erzähl ich ihn dir: Was ist der Unterschied zwischen einer Frau und einem Besen?“, das Nilpferd wartete kurz auf eine Antwort, die nicht kam „- Einem Besen muss man keinen Schmuck kaufen!“
Helmut lachte laut los, als er seine Pointe losgeworden war. Der Alchemist schaute ihn nun jedoch mit verzogener Miene an.
„Hör auf, Helmut! Du machst der kleinen doch nur Angst! Kannst du dir nicht einmal einen anderen Witz ausdenken?“
„Ach hör schon auf! Jede Nacht erzähle ich ihr diesen Witz. Ich kann doch nicht von einem Moment auf den Anderen plötzlich etwas anderes tun, das ist doch komplett unlogisch!“
Der Alchemist seufzte nur und wandte sich nun an das Mädchen, da er jetzt an der Reihe war:
„Hallo Annika, schön dich wieder zu sehen!“
„Hallo, kleiner Onkel.“
„Du musst keine Angst haben, ich pass schon auf, dass Helmut dir nichts tut.“
„Haha, dafür bist du doch viel zu klein, Onkel!“ Helmut auf dem Stuhl neben ihm prustete los, als er das hörte, doch der Alchemist schien nicht beleidigt zu sein.
„Das mag sein, aber trotzdem würde ich dich mit meinem Leben verteidigen!“ Er stellte sich auf und schlug sich mit beiden Händen auf die Brust, woraufhin er laut zu husten begann. Das Mädchen lachte und klatschte in die Hände.
„Du bist immer der einzige, der etwas Neues sagt, Onkel.“ Der Alchemist schwieg.
„Lass uns spielen gehen!“
„Ich mag heute nicht, Annika, tut mir leid. Sag mal, wieso kommst du überhaupt jede Nacht hierher?“
„Ich weiss auch nicht. Ich gehe einfach jede Nacht ins Bett und dann bin ich auf diesen Treppen. Dann gehe ich die Treppen hoch und dann bin ich hier und dann sehe ich die Löwen und die Kobras und die Hunde und dich und Helmut.“
„Du gehst ins Bett? Wo bist du denn, wenn du ins Bett gehst?“
„Ich weiss es nicht mehr. Ich weiss nicht mehr, wer ich bin, nur meinen Namen.“
„Annika… ja, das hast du mir früher schon gesagt.“ Für eine Weile schauten sie sich an, ohne etwas zu sagen. Beide von ihnen schienen nicht recht zu wissen, was passierte. Nach einigen Minuten öffnete Annika jedoch wieder den Mund:
„Ich muss jetzt gehen, kleiner Onkel.“
„Aber wieso, wieso musst du gehen?“
„Ich weiss es nicht. Aber ich muss jede Mal zu dieser Zeit gehen.“
„Auf wieder sehen, Annika. Ich werde auf dich warten.“
„Mach’s gut, kleiner Onkel!“
Das Mädchen winkte dem kleinen Alchemisten noch ein letztes Mal zu, während es auf die Bar zuging. Dann schaute es das Nashorn an, welches zurückstarrte. Nach einer Weile öffnete es den Mund und Annika stieg hinein, dann wurde alles schwarz.

Der Alchemist lag in einer Ecke seines Labors. Er blinzelte. Er fühlte sich, als ob er gerade ausgeschlafen habe, wie neu. „Und wieder wurde alles schwarz. Ich muss aufhören, so viel zu trinken.“, dachte er nur, während er einen seiner vielen Schränke öffnete und sich über einer Labor Flamme Kaffee Kochte sowie sich ein warmes Frühstück zu machen.  Er war ein guter Koch, denn immerhin war das Kochen nur eine spezielle Art Chemie.

Als der hungrige Alchemist seine Mahlzeit verschlungen hatte setzte er sich auf und begann ein neues Experiment. Das gestrige hatte ihm gezeigt, dass seine Vermutung auch auf Dinge ausserhalb seines Labors zutreffen könnte. Er wusste immer noch nicht genau, was all die Geschehnisse zu bedeuten hatten, oder besser gesagt, er wollte es nicht. Was um ihn herum geschah war wirklich unheimlich und die Ereignisse des vorigen Tages bestätigten seine Befürchtungen. Was Annika gesagt hatte, machte ein für alle Mal sicher, dass er sich in einem Traum befand. Im Traum eines kleinen Mädchens.

Der Fremde, der in seinem Raum aus dieser Holztür getreten war, passte jedoch nicht so richtig in die Ergebnisse des Alchemisten. Seinen bisherigen Erkenntnissen zufolge konnten nur jene Dinge Wirklichkeit sein, welche eine Farbe hatten. Obwohl der Fremde ganz in schwarz gekleidet war, hiess das nicht, dass er keine Farbe besass. Je nachdem, wie das Licht auftrat, sah das schwarz mehr wie ein dunkles Grau aus. Eigenschaften, welche unechte Dinge nicht besassen. Auch sein Kinn war nicht schwarz oder weiss, sondern besass den charakteristischen Hautfarbton eines Menschen.

Wie aber konnte eine reale Person zusammen mit einer realen Tür einfach so aus dem Nichts erscheinen? Der Alchemist konnte es sich nicht erklären. Es waren schon viele Dinge einfach so aus dem Nichts in seiner Nähe aufgetaucht, doch keines davon war farbig gewesen, keines davon real. Er grübelte eine lange Zeit weiter darüber nach. Er wusste auch nicht, was sein nächstes Versuchsobjekt werden würde.

Er hatte die Macht, Dinge real werden zu lassen, doch er befürchtete, dass reale Dinge keine seltsamen Eigenschaften mehr haben würden, sobald die Verwandlung abgeschlossen war. Wenn er zum Beispiel Helmut nehmen und ihn mit der roten Flüssigkeit übergiessen würde, wäre dieser kein sprechendes Nilpferd mehr. Er wäre nicht mehr der beste Freund des Alchemisten sondern nur noch ein gewöhnliches Tier mit rotem Rachen und gelben Zähnen.

Der Alchemist wusste auch nicht, was mit all den echten Dingen geschah, sobald der Traum vorbei war. Es war Annikas Traum, soviel wusste er, und es konnte doch gut sein, dass Annika plötzlich damit aufhören würde, diesen Traum zu träumen, wie es mit wiederkehrenden Träumen eben häufig so ist. Der Alchemist hatte Angst davor, was kommen würde, Angst vor der Tatsache, dass er vielleicht einfach aufhören würde zu existieren, sobald Annika in ihrem Schlaf diese heruntergekommene Kneipe in der obersten Treppenstufe nicht mehr besuchen würde. Er konnte nicht fliehen, nicht einfach so. Er war gefangen im Kopf eines kleinen Mädchens, ohne Ausweg.

Manchmal war ihm die Bürde schon zuviel geworden und er hätte beinahe aufgegeben und sich irgendwo erhängt, doch immer konnte er sich wieder aufrappeln indem er sich einredete, dass er sich alles nur einbildete und dass er vielleicht nur ein Verrückter war, der irgendwo im Irrenhaus gefangen in einer Ecke lag, eingesperrt in seiner eigenen Welt. Er hatte seine Experimente begonnen in der Hoffnung, seine Befürchtungen widerlegen zu können, doch nun schienen sie schon beinahe bewiesen. Er sank auf seinem Stuhl zusammen, die Arme auf den Tisch gelegt und den Kopf in sie vergraben. Stundenlang stellte er sich nur wieder und wieder die Frage: Was passiert mit einem Traum der merkt, dass er ein Traum ist?

Bald wurde es Abend und noch immer sass der Alchemist brütend mit dem Kopf in den Armen auf seinem Labortisch, ohne etwas zu tun. Es klingelte wie immer zu dieser Zeit an der Tür, woraufhin sich der Alchemist wortlos und schwerfällig aus seinem Stuhl erhob, zur Tür schritt und diese öffnete. Wie erwartet stand Helmut das Nilpferd vor ihm.

„Hallo Helmut.“
„Los, komm, wir sind schon spät dran!“, meinte Helmut. Er öffnete seinen Mund und zeigte seine Zähne, welche im Gegensatz zum Rest seines schwarzen Körpers in perfektem, strahlendem Weiss gehalten waren, um seine Aussage zu unterstreichen.
„Ich mag heute nicht, Helmut…“
„Was meinst du, „du magst nicht?“, wir müssen gehen, sofort!“
„Wieso?“
„Wieso… schon wieder so eine Frage. Es macht doch keinen Sinn wenn wir… wenn wir…“
„Wenn wir nicht wie jeden Tag dort hin gehen?“
„Genau… das wollte ich sagen.“
„Was ist los, Helmut, du siehst so blass aus.“, scherzte der Alchemist, vom abnormalen Verhalten seines Freundes etwas erheitert.
„Ich kann nicht blass sein, ich bin komplett schwarz.“
„Haha, du hast den Witz versta… warte einmal! Du hast vorhin nie bemerkt, dass alles in der Welt nur zwei Farben besitzt!“
„Das nicht… du bist farbig und Annika auch.“
„Geht es hier wirklich mit rechten Dingen zu? Was ist los mit dir, Helmut?“
„Ich weiss es auch nicht wirklich, aber ich glaube, ich beginne zu verstehen. Lass uns jetzt gehen. Wenn wir nicht gehen wird mich das nur noch mehr verwirren“
„Okay, ich komme mit dir, Helmut. Wenn es wirklich so wichtig für dich ist.“

Der Alchemist staunte. Dies war das erste Mal, dass er wirklich eine Veränderung in seiner Umwelt hatte feststellen können, neben seinen Gesprächen mit Annika zumindest. Irgendetwas seltsames passierte mit seinem Freund Helmut und er konnte nicht genau erklären, was es war.

Auch ihr nächtlicher Aufstieg zur Kneipe in der obersten Stufe verlief nicht wie üblich. Wie immer war der Alchemist nach dreissig Minuten Treppensteigen total erschöpft, was neu war, war, dass auch Helmut das Nilpferd total erschöpft war und kein Problem damit hatte, dass sie eine Pause einlegten. Sie verschnauften für einige Minuten, bis der Alchemist weit hinter ihnen Annika auf sie zukommen sah, woraufhin er und Helmut sich beeilten, um nicht von dem kleinen Mädchen gesehen zu werden.

Sie erreichten die Kneipe und als sie die Tür in der obersten Treppenstufe öffneten, war dort alles beim Alten. Ein vertrautes Bild in Schwarzweiss bot sich ihnen: Die drei Hunde beim Pokerspielen, das Nashorn hinter der Theke, die vier Löwen beim Probieren des Weins und die Kobras beim Billardspielen. Wie immer setzten sich Helmut und der Alchemist an ihren Stammtisch in der Mitte des Raumes und bestellten zwei Gläser Bier vom Deckenaffen.

Die Beiden blieben in dieser Nacht still. Helmut, da er sich scheinbar wirklich verändert hatte und der Alchemist, da er seinem Freund genügend Zeit zum Nachdenken geben wollte. Zehn Minuten verstrichen und wie immer stand wieder Annika in der Tür. Sie tat ihren üblichen Rundgang. Sie sah den Löwen zu, spielte das gleiche Spiel mit den Hunden, beobachtete den Kobras und näherte sich daraufhin dem Tisch, an welchem Helmut und der Alchemist sassen.

Annika sah Helmut an, doch dieser meinte nur: „Tut mir Leid, kleines Mädchen, aber ich mag heute keine Witze machen.“
Annika staunte: „Was? Du hast doch bis jetzt immer den gleichen, blöden Witz gemacht.“
„Heute nicht mehr, kleines Mädchen. Sprich lieber mit deinem kleinen Onkel.“
„Hallo Annika.“, meinte der kleine Onkel.
„Hallo, kleiner Onkel. Was ist mit dem Nilpferdmann los? Er ist so komisch heute“
„Ich weiss es nicht, Annika.“
„Du, was macht der Mann dort hinten?“, Annika zeigte mit ihrem Finger auf den Ausgang der Kneipe. Der Alchemist sah sich um und erkannte sofort, was Annika gesehen hatte. Es war der Fremde, der am vorigen Tag in seinem Labor aufgetaucht war. Er trug immer noch die Tür auf seinem Rücken und trug die gleiche Kleidung, doch er hielt eine brennende Fackel in der Hand. Der Alchemist stutzte, als er sah, dass die Flamme orange brannte. Vorher hatte er immer gedacht, dass er der einzige war, der Dinge real machen könnte.
Der Fremde liess die Fackel fallen und rannte aus der Kneipe heraus, welche nun plötzlich in Flammen stand. Alle Tiere brachen in Panik aus, bis auf Helmut, der durch die Flammen aus der Kneipe hinaus rannte und somit allen Anderen einen Weg bahnte. Annika begann zu weinen.

„Keine Angst, Annika.“, versuchte der Alchemist sie zu trösten. „Weine nicht, ich beschütze dich!“ Er nahm sie an der Hand und rannte durch die Bresche, welche sein Freund Helmut für ihn und alle Anderen geschlagen hatte. Die Anderen Gäste der Kneipe folgten ihm mit etwas Abstand.

Wenn man vor der riesigen Stufe stand, in welcher die Kneipe sich befand, hätte man nicht sehen können, dass diese brannte. Der Eingang leuchtete zwar weiss, doch das hätten viele Dinge sein können. Es erstaunte den Alchemisten ein wenig, dass die Flammen in der Kneipe nicht orange, wie die Flamme der Fackel, sondern weiss waren, doch im Grunde genommen machte es Sinn. Wenn etwas Reales brennt, dann ist auch die Flamme echt, wenn etwas Geträumtes brennt, dann ist auch die Flamme nicht real.

Helmut brannte. Er musste zu nahe an die Flammen herangekommen sein, weshalb nun an seiner rechten Körperhälfte eine Flamme hochstieg. Sie war weder schwarz noch weiss, aber auch nicht orange. Sie flackerte in verschiedenen Grautönen, wie in einem alten Film, doch der Alchemist hatte nicht genug Zeit, um sich mit Gedanken über das weshalb zu beschäftigen. Er liess Annikas Hand los, nahm sich seinen Laborkittel ab und rannte auf seinen Nilpferdfreund zu. Er warf den kleinen Kittel über die Flammen und hoffte, dass dieser ausreichend gross sein würde, um sie zu ersticken. Er hatte Glück.

„Danke, mein Freund.“
„Nichts zu danken, Helmut.“
„Ich wünschte ich hätte jetzt einen Fluss, um mich abzukühlen.“
„So etwas wirst du hier wahrscheinlich nicht finden. Treppen sind nicht gerade ideale Flussbetten.“
„Treppen… du hast Recht, die ganze Stadt, alles nur Treppen.“
Die Beiden schwiegen für eine Weile. Dann merkten sie, dass Annika immer noch in der Nähe war.
„Was nun?“, fragte der Alchemist.
„Ich weiss es nicht. So etwas ist noch nie passiert.“
„Der Traum sollte eigentlich bald fertig sein.“
„Der Traum…“

Der Alchemist schwieg. Er wollte Helmut nicht jetzt schon mit seinem Wissen belasten. Er wusste, dass er sich in Annikas Traum befand – einem wiederkehrenden Traum. Doch dieses Mal war der Traum anders abgelaufen. Was würde nun passieren? Was geschieht mit einem wiederkehrenden Traum, wenn er plötzlich anfängt zu brennen?

„Es ist noch nicht zu spät.“, murmelte der Alchemist plötzlich.
„Zu spät für was?“
„Um den Traum richtig zu beenden. Los, wir müssen das Nashorn finden!“

Der Alchemist nahm Annika, welche nicht grösser war als er, wieder an der Hand und begann, nach dem Nashorn Ausschau zu halten. Er hatte noch gesehen, wie es zusammen mit den anderen Tieren die Kneipe verliess, doch dann hatte er das brennende Nilpferd erkannt. Er konnte das Nashorn nicht mehr erspähen, doch er fand jemand anderes. Es war der Fremde, der die Kneipe angezündet hatte. Der Alchemist wich zurück und stellte sich vor Annika, um sie zu beschützen.

“Komm keinen Schritt näher, du! Warum hast du die Kneipe angezündet?“
„Mir wurde langweilig.“
„Du hättest den Traum zerstören können!“
„Das war meine Absicht.“
„Bist du wahnsinnig? Du würdest all dies zerstören, wenn du den Traum zerbrichst!“, der Alchemist beschrieb mit seinem Arm einen grossen Bogen, der auf die ganze Treppenstadt hinweisen sollte.
„Es ist alles nur ein Traum.“
„Nur ein Traum? Das hier ist meine Heimat!“
„Wenn der Traum wichtig genug ist, dann wird er meine Eingriffe auch überstehen.“
„Deine Eingriffe? Heisst das, dass du noch weitermachen wirst?!“
„Genau. Tritt zur Seite, oder ich schiesse.“

Plötzlich hatte der Fremde eine Pistole in der Hand. Sie war schwarz wie ein Traum. Er zeigte mit ihr auf den Alchemisten, der immer noch vor Annika stand. Der Alchemist wusste nicht, was er tun sollte. Wenn der Fremde auf ihn schoss, würde er sterben, doch wenn er auf Annika schoss, dann war der ganze Traum endgültig vorbei. Beide Möglichkeiten sagten ihm nicht zu, weshalb er sich umdrehte, Annika an der Hand nahm und so schnell er konnte zurück Richtung Kneipe rannte.

Kugeln flogen hinter den Beiden her, doch keine von ihnen traf. Der Alchemist blickte sich um und erkannte seinen Freund Helmut, welcher den Fremden von hinten umgerannt hatte. Dieser hatte im Fall geschossen, doch natürlich ohne wirkliches Ziel. Mit einer Pistole zu schiessen ist schwierig wenn man von hinten von einem wütenden Nilpferd angefallen wird.
Wieder auf der obersten Stufe angelangt konnten Annika und der Alchemist den schwarzen Rauch erkennen, der aus der Kneipe herausquoll. Vor dem Eingang stand der Besitzer der Kneipe – das Nashorn, welches sie vorher Gesucht hatten. Der Alchemist verlor keine Zeit und rannte zusammen mit dem kleinen Mädchen auf das Nashorn zu.

„Mach’s gut, Annika.“
„Auf Wiedersehen, kleiner Onkel.“

Annika schien zu verstehen, soviel eben zu verstehen war. Sie ging auf das immer noch grimmige Nashorn zu, welches bei ihrem Anblick seinen Mund öffnete. Annika stieg hinein und wieder einmal wurde alles schwarz.

Wieder lag der Alchemist in der Ecke seines Labors und fühlte sich wieder ausgeruht, als ob er die Geschehnisse der letzten Nacht nur geträumt hätte. Er ging zu seinem Schrank und nahm das Gläschen mit der dunklen Flüssigkeit heraus, in welchem er den blauen Stein aufbewahrte. Er steckte sich das Fläschchen in die Tasche, setzte sich an seinen Tisch und wartete. Er wusste nicht genau, was diese Nacht passieren würde, doch ihm war klar, dass er sich vorsehen müsste. Der Fremde würde bestimmt nicht einfach nur ruhig dasitzen. Er würde wieder versuchen, Annika etwas anzutun und somit den Traum anders zu beenden, als er beendet werden sollte.
Wie erwartet klingelte es am Abend wieder an seiner Tür.

„Hallo, Helmut.“
„Hallo.“
„Wie geht es dir? Hast du noch Schmerzen von gestern?“
„Mir geht es gut. Träume spüren keine Schmerzen.“
„Du hast es also herausgefunden?“
„Das war nicht mehr schwer bei dem ganzen Getue, dass du gestern veranstaltet hast. Wir sind also wirklich bloss ein Traum?“
„Da wäre ich mir nicht so sicher. Träume können nicht denken, so wie wir. Die anderen Tiere in der Kneipe, das sind Träume.“
„Wenn ich kein Traum mehr bin, wieso kann ich denn sprechen?“
„Ich weiss es nicht. Du siehst aus wie ein Teil des Traumes, denkst aber nicht wie einer. Vielleicht bist du in einer Übergangsphase.“
„Du meinst ich werde mit der Zeit zu einem normalen Nilpferd?“
„Vielleicht.“

Sie schwiegen. Dem Alchemisten war klar, dass sein Freund Angst hatte. Helmut würde seine Gabe zu denken verlieren, wenn die Dinge so weitergingen, doch der Alchemist wusste auch keinen Ausweg.

„Komm, Helmut, lass uns zur Kneipe gehen.“
„Okay, gehen wir.“

Dreiviertelstunden später erreichten die Beiden die Kneipe in der obersten Treppenstufe. Als sie eintraten bot sich ihnen kein schönes Bild: Die gesamte Kneipe war schwarz, von oben bis unten. Die einzigen weissen Punkte waren die Tiere, die an den abgebrannten Tischen sassen und so taten, als sei nichts passiert.

„Sie versuchen, alles so ablaufen zu lassen wie bisher.“
„Sieht ganz danach aus… komm, setzen wir uns.“

Helmut und der Alchemist setzten sich nun wieder an den Tisch in der Mitte der Kneipe. Der Affe, der die Bestellungen aufnahm, konnte sie diese Nacht jedoch nicht mehr erreichen, da der Kronleuchter über ihrem Kopf beim Brand heruntergefallen war. Sie mussten also ohne Bier auskommen, während sie auf das kleine Mädchen warteten. Dem Alchemisten passte dies in den Plan, denn er wollte nüchtern sein, wenn es an der Zeit war, sich dem Fremden zu stellen. In diesem Moment wünschte er sich, dass er sich als Alchemist nicht nur dem seltsamen blauen Stein gewidmet hätte, sondern auch anderen Dinge, die er in dem Kampf, den er erwartete, besser hätte gebrauchen können.

Als er diesem Gedankengang weiter folgte, kam ihm eine Idee. Er trat vor den Tresen und bestellte sich beim grimmig dreinschauenden Nashorn ein Bier. Er erhielt wie erwartet eine weisse Flüssigkeit mit weissem Schaum in einem grossen Glas. Er nahm es mit beiden Händen hoch und stellte es vorsichtig auf den Tisch in der Mitte der Kneipe.

„Kann ich einen Schluck haben?“, fragte Helmut.
„Nein, das ist nicht zum trinken.“, schlug ihm der Alchemist die Bitte ab. „Das Zeug gehört zu meinem Plan.“
„Willst du den Mann mit dem netten Hut betrunken machen?“
„Natürlich nicht!“
„Was soll dann das Ganze? Kannst du aus Bier etwa Sprengstoff machen? Stimmt ja, du bist ein Alchemist!“
„So ein Blödsinn. Aus Bier Sprengstoff machen.“
„Was willst du denn sonst damit anfangen?“
„Ich mache daraus Bier. Echtes Bier.“
„Was auch immer, du bist verrückt. Tu was du willst.“

Der Alchemist nahm nun sein Döschen hervor, in welchem er den blauen Stein eingelagert hatte. Er schüttete ihn mitsamt der dunklen Flüssigkeit in das weisse Bier, worin sich das Gestein aufzulösen begann. Langsam verfärbte sich das Bier. Es wurde gelb, bis es schlussendlich aussah, wie echtes Bier mit einer wunderbaren, weissen Schaumkrone. Helmut staunte, als er dies sah.

„Das sieht ja wunderbar aus! Darf ich jetzt einen Schluck haben?“
„Lass du ja deine… Hufe davon, das Bier wird noch wichtig!“
„Ach Mann, du gönnst mir auch gar nichts.“
„Ich rette uns Allen hier das Leben, ob du da ein Bier hast oder nicht ist mir doch egal.“

Eine kurze Zeit später betrat dann auch Annika die Kneipe, so wie jede Nacht eben. Dieses Mal jedoch war ihr der Fremde in schwarz jedoch dicht auf den Fersen. Annika schaute den Löwen zu und begann, nachdem sie deren Konversation als abgeschlossen sah, wandte sie sich den Hunden und ihrem Pokerspiel zu. In dem Moment sah der Fremde seine Chance. Er stand nun genau hinter Annika, welche zu konzentriert auf ihren seltsam dunklen Traum war, um ihn zu bemerken. Langsam bewegten sich seine ausgestreckten Hände auf ihren Hals zu, so als wollte er sie erwürgen und somit den Traum beenden. Der Alchemist jedoch würde sich nicht so schnell geschlagen geben. Er nahm sein Gelbes Bierglas und schleuderte den Inhalt mit all seiner Kraft in Richtung der Löwen.

Die Flüssigkeit traf alle vier von ihnen und noch während das Bier an ihnen heruntertropfte, begannen sie, sich zu verwandeln. Sie waren nun nicht mehr die zivilisierten Weinkoster von vorhin, sondern naturfarbene, wilde Tiere auf der Suche nach Beute. Der Fremde drehte sich um und sah die Tiere. Er stand ihnen am nächsten und er wusste, dass er ihnen wohl als die saftigste Beute erscheinen würde, weshalb er sofort wegrannte, durch die flammenzerfressene Tür aus der Kneipe hinaus, die vier Löwen dicht auf seinen Fersen.

„Den sind wir für eine Weile los.“, grinste der Alchemist Helmut das Nilpferd an.
„Haha, ja, dem hast du es ordentlich gezeigt. Ich wusste nicht, dass ein Glas Bier die besten Weinkenner in wilde Tiere verwandeln kann.“

Die Beiden lachten, während sie Annikas Rundgang durch die Kneipe weiter verfolgten. Bis auf die verbrannte Kneipe blieb auch alles so wie gehabt. Der Fremde schien in dieser Nacht keinen Einfluss mehr auf den weiteren Verlauf des Traumes gehabt zu haben. Als Annika zum Tisch des Alchemisten kam, begannen sie wie jede Nacht wieder ein Gespräch.

„Hallo, Annika.“
„Hallo, kleiner Onkel.“
„Schön, dass du wieder hier bist.“
„Heute ist alles so schwarz, Onkel.“
„Ja, alles ist schwarz. Du brauchst dir aber keine Sorgen zu machen, sonst ist alles so wie früher.“
„Was war gestern los, Onkel? Da war dieser komische Mann, der hier alles angezündet hat.“
„Das war nur ein schlechter Traum. Ich glaube, du musst jetzt gehen, wie immer, nicht war? Bis morgen Nacht, Annika.“
„Ja, ich muss gehen. Auf Wiedersehen, Onkel!“

Der Alchemist winkte Annika noch einmal zu, bevor sie sich umdrehte und auf den Barkeeper zuschritt, doch ein Pistolenknall durchbrach den Moment des Abschieds. Er kam von der Richtung der Eingangstür der Kneipe, wo der Fremde stand, seine schwarze Pistole in der rechten Hand haltend. Er blutete am linken Arm, den er zu Boden hängen liess. Die Löwen mussten ihn erwischt haben, bevor er sich ihrer hatte entledigen können. Sein rotes Blut tropfte zu Boden und verfärbte dort das verbrannte, schwarze Holz. Er senkte die Waffe, denn sein Ziel hatte er getroffen. Er benutzte seinen rechten Arm nun, um sich an der Wand aufzustützen.

Hinter dem Tresen lag der Barkeeper am Boden. Sein grimmiger Ausdruck war von seinem Gesicht gewichen und an seiner Stelle war nur noch Überraschung abzulesen. Der Alchemist konnte die ganze Situation nur mit entsetztem Blick folgen. Es war zu spät, der Traum konnte nun nicht mehr beendet werden, wie er sollte. Annika stand bloss da, in der Mitte des Raumes, ohne etwas Weiteres zu tun. Sie war nun gefangen in ihrem Traum. Der Fremde raffte sich von seiner zusammengekauerten Position an der Wand auf und setzte sich ausgerechnet an den Tisch, an welchem Helmut und der Alchemist sassen.

„Du Monster, du hast ihn getötet!“
„Das Nashorn war nichts weiter, als eine Figur in einem Traum.“
„Warum kommst du jetzt zu mir? Willst du dich für meine Aktion mit den Löwen rächen?“
„Rache… ich habe schon lange nicht mehr an Rache gedacht. Nein, ich will mich nicht rächen. Es ist normal, wenn sich ein Traum zu wehren versucht. Rache ist da fehl am Platz“
„Du meinst, ich habe mich nur gewehrt, weil ich ein Teil dieses Traumes bin?“
„Vielleicht…“
„Ich bin kein Traum! Verstehst du das nicht? Ich bin echt! Ich kann denken und fühlen, nicht wie diese Witzfiguren um uns herum. Wenn der Traum fertig ist, was wird dann aus mir? Werde ich einfach verschwinden, wie der Rest?“
„Wenn du wirklich mehr bist als ein Traum, dann nein, du wirst nicht verschwinden. Reale Dinge verschwinden nicht einfach, wenn ein kleines Mädchen aufhört, von ihnen zu träumen.“

Der Alchemist schwieg. Er konnte dem Gedankengang des Fremden nicht wirklich folgen, doch dieser schien mehr Erfahrung mit solchen Traumwelten zu haben, als er selbst.

„Sag mir“, begann er jedoch nach einer Weile wieder „was wird jetzt aus Annika?“
„Ich nehme an, sie wird hier bleiben, bis sie aufwacht.“
„Und was passiert, wenn sie aufwacht?“
„Das, was du dir schon gedacht hast. Der Traum ist vorbei.“
„Warum war es dir so wichtig, den Traum zu beenden?“
„Das sagte ich doch schon. Mir wurde langweilig. Es ist kein besonders interessanter Traum und wichtig ist er ebenfalls nicht.“
„Wenn dir der Traum so langweilig war, wieso hast du ihn nicht einfach verlassen, wie du gekommen bist, durch deine Tür?“
„Solange der Traum nicht beendet ist, kann ich nicht gehen. Erst wenn alles hier abgeschlossen ist kann ich meine Tür erneut öffnen.“
„Wo wirst du hingehen, wenn Annika aufwacht?“
„Überall hin.“

Der Alchemist betrachtete den Fremden nun genauer. Er glaubte nicht mehr, dass dieser Mann böse war und nur hier war, um den Traum eines kleinen Mädchens zu vernichten. Der Fremde erschien ihm plötzlich sehr, sehr alt. Wie alt genau, das wusste er nicht, doch der Mann in schwarz sah Müde aus. Sehr, sehr Müde, so als wandere er schon seit Jahrtausenden durch die verschiedensten Welten. So als suche er nach etwas, das niemand je finden konnte.

„Kann ich mit dir gehen?“ Der Fremde schaute ihn verdutzt an, soweit man das sagen konnte, denn sein Filzhut bedeckte immer noch seine Augen.
„Du willst mit mir kommen?“
„Ja. Ich kenne nichts weiter als diesen Traum. Ich will wissen, was es sonst noch gibt und ich habe das Gefühl, dass du schon viele Dinge gesehen hast. Ich will dorthin gehen, wo du hingehst.“
„Ich sagte, dass ich überall hingehe, aber ich bleibe nirgendwo. Ich wandere, Reise und nirgends werde ich je mehr sein als ein Fremder auf der Durchreise. Ich kann so etwas niemandem zumuten, ausser mir selbst. Dieser Weg ist meiner, und meiner allein. Du musst deinen eigenen Weg finden, kleiner Alchemist.“

Der Alchemist schaute den Fremden nur weiter an. Er verstand nicht genau, was der Mann ihm da sagte, doch er wusste in seinem Inneren, dass er diesem Fremden nicht folgen konnte. Helmut das Nilpferd hatte dem ganzen Gespräch bis jetzt nur still zugehört. Helmut hatte es schon immer für unhöflich gehalten, die Konversationen anderer Leute zu unterbrechen, doch da er das Zwiegespräch des Fremden und des Alchemisten nun als beendet sah, hielt er es nun für angemessen, sich einzuschalten:

„Wenn der Alchemist kein Traum ist, was ist dann mit mir?“

Die Frage stand alleine im Raum. Keiner der schien eine Antwort darauf zu haben. Wortlos sassen die drei nun an ihrem Tisch. Der Fremde, der Alchemist und das Nilpferd. Sie warteten nur noch darauf, dass Annika aufwachte, damit sie endlich herausfinden würden, was mit ihnen geschah. Nach eine Stunde stillen Daseins begann dann auch alles um sie herum zu verschwinden. Nach und nach wurde alles schwarz.

Als er seine Augen wieder öffnete, lag der Alchemist wieder einmal zusammengerollt in einer Ecke seines Labors. Er rieb sich die Augen und fragte sich zuerst, ob er all die seltsamen Dinge nur geträumt hatte. Als er aufsah musste er diese Frage mit nein beantworten, denn vor ihm Stand der Fremde, und der war gerade dabei, sich seine Tür vom Rücken zu nehmen.

„Das war’s dann also, Fremder.“
„Sieht ganz danach aus.“
„Ist… ist wirklich alles weg?“
„Nicht alles. Schau dich doch um, dein Labor steht noch. Es ist nun seine eigene Welt, kein Traum mehr. Klein vielleicht, doch viele grosse Welten haben als kleiner Traum begonnen.“
„Was ist mit Helmut? Er war zwar ein Traum, doch auch mein bester Freund.“
„Wenn es ihn noch gibt, dann wird er vermutlich an dem Ort sein, wo er immer war, als der Traum begann.“

Der Alchemist sprang auf. Wenn es die Stadt nicht mehr gab, dann gab es auch keine Treppen mehr, und wenn es keine Treppen mehr gab, dann befand sich Helmut zweifelsohne im Fall. Der Alchemist öffnete die Tür und wirklich, überall wo er hinsah war alles weiss, doch die Treppe, in welcher sein Labor sich befand, die gab es noch. Sie hatte nun einen tief blauen Farbton mit vielen unregelmässigen Mustern, als ob sie aus einem einzigen, grossen Lapislazuli gehauen worden wäre. Was dem Alchemisten jedoch die grösste Freude brachte, war das Gesicht Helmuts, welcher vor ihm stand und ihn angähnte. Der Körper des Nilpferds war noch immer komplett schwarz und seine Zähne immer noch so weiss wie die Unschuld selbst.

„Helmut!“
„Sieht so aus, als ob ich realer bin, als wir beide dachten.“

Die Beiden grinsten sich an. Der Alchemist drehte sich um, um sich noch von dem Fremden zu verabschieden, denn obwohl er ihn nicht gerade mochte, da er ihm schon einige Steine in den Weg gelegt hatte, so war sein Handeln am Ende doch korrekt gewesen. Es hätte gefährlich für Annika werden können, wenn es so weitergegangen wäre, soviel wurde dem Alchemisten nun klar. Er war immer stärker und stärker geworden und an einem  gewissen Punkt wäre er stärker geworden als Annika selbst.

Der Fremde jedoch war nicht mehr da. Er musste das Labor schon durch seine eigene Tür hindurch verlassen haben. Der Alchemist führte Helmut in sein Labor, bot ihm eine Tasse Tee an, und machte sich daraufhin an seine neue Arbeit. Er würde einen Weg aus dieser kleinen Welt herausfinden, und dann würde er die weiteren Welten erkunden, auf dass er vielleicht eines Tages diesen Fremden wieder sehen konnte. Er würde sich bei ihm bedanken, dass er ihm seinen Weg gezeigt hatte. Ein Weg, den er nicht allein beschritt, sondern mit einem sprechenden Nilpferd an seiner Seite.